1781 September 26

1781, September 26: Bericht Brukenthals über die Bekämpfung der Heuschreckenplage in Siebenbürgen in der „Wiener Zeitung“.

 

Abschrift G. A. Schuller.
Bezug: Biographie, 2. Bd. S. 48f.
Die „Wiener Zeitung“, 1703 als „Wiennerisches Diarium“ gegründet, ist die älteste noch erscheinende Tageszeitung der Welt.
Die Zeitung wurde digitalisiert. Der folgende Bericht ist ohne Titel, ohne Verfasser und ohne Paginierung in der Ausgabe Nr. 77 am 26. Herbstmonat (September) 1781, [S. 10, Sp. 2–12, Sp. 2] erschienen, online unter https://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?aid=wrz&datum=17810926&zoom=33 abrufbar (letzter Aufruf: 17. April 2021).

Die Unterschiede zwischen G. A. Schullers Abschrift und der gedruckten Vorlage wurden im Folgenden in eckige Klammern gesetzt und rot markiert.

[Notizen des Kopisten am Anfang des Dokuments:]
Gouv. S[amuel] v. Brukenthals Bericht über seine
Schutzmassregeln gegen die Heuschrecken
1780 – 81

Entnommen der Wiener Zeitung Nr. 77/781 Anhang (d. d. 26.9.1781)

[Kommentar von Schuller am Ende des Dokuments:]

[Dieser Bericht wurde von Brukenthal auf Wunsch des Hofkanzlers Baron Reischach eingeschickt, der ihn in der Wiener Zeitung abdrucken ließ. Vgl. Briefe an diese S. v. Br. V. A. N.F. XXXI S. 491, Nr. 428[1]][2]

Ein Heer von 158 000 Arbeitern hatte also aufgeboten werden und der königliche Statthalter in eigner Person sich an dessen Spitze setzen müssen, um des eingedrungenen Feindes Herr zu werden. Wir können daraus ermessen, wie groß und schwer die Heimsuchung war u. welch eiserne Willenskraft dazu gehörte, die gegenwärtige Not und die künftige Bedrohung zugleich zu überwinden. Heute wissen wir zum Glück aus eigner bittrer Erfahrung nichts mehr von diesen Nöten; nur alte Zeitungen u. Chroniken, Sage und Lied [„Woräm klappert em mät Schellen“[3]] geben uns Kunde davon. Wenn wir uns dieser Tatsache freuen, wollen wir nicht vergessen, daß unsere Heimat die Befreiung von diesem argen Feinde in erster Reihe dem weitschauenden, kraftvollen Wirken ihres grossen Sohnes Samuel v. Brukenthal zu danken hat.

Dr. GASchuller

 

[S. 1]

„Ein Schreiber aus Hermannstadt in Siebenbürgen [Siebenbirgen] unterm 12. Herbstmonats[,] meldet folgendes.[:] Sie haben verläßliche, und umständliche Nachrichten von den Eigenschaften zu wissen verlangt, die an den im vorigen Jahre aus der Walachei [Wallachey] nach Siebenbürgen [Siebenbirgen] herüber gekommenen Heuschrecken wahrgenommen worden, so wie von den Mitteln, deren man sich hier zu ihrer Ausrottung bedient hat. Ich befolge diesen Antrag mit so viel größerem Vergnügen, da ich Ihnen zugleich berichten kann, daß durch Gottes Hülfe [Hilfe] auch diejenigen [diejenige] Kreise, in denen [den] sie am häufigsten angetroffen worden, gänzlich gereinigt worden sind.

Die Heuschrecken kommen selten nach Siebenbürgen, außer bei [bey] anhaltenden Ostwinden. Im nassen Wetter können sie nicht von der Stelle gebracht werden, [;] und so lange es kalt und frostig ist, bleiben sie still liegen, spannen- auch wohl schuhhoch übereinander. Dem ohngeacht sind sie schwer zu zerschlagen, weil sie mit der größten Geschwindigkeit den auf sie gerichteten [und fallenden] Prügeln und Besen ausweichen. Auch wenn sie erreicht werden, so sind sie nicht leicht umzubringen, weil sie ein hartes Leben haben. Dabei [Dabey] aber sind sie so gefräßig, daß sie fortfressen, wenn sie gleich an Flügeln oder Füßen Schaden genommen haben. Wenn sie verbrannt werden, so werden sie rot [roth], wie gesottene Krebse. Gegen den Herbst legen sie ihre Eier [Eyer] in Spalten und Ritzen der Erde[,] so tief sie immer hineinkommen können, sehr gerne in die Felder, wo türkischer Weizen angebaut gewesen, weil man, seinen Wachstum [Wachsthum] zu befördern, die Erde an die Stengel aufhäuft. Uebrigens suchen sie lauter solche Plätze und Gegenden dazu aus, die der Sonne[,] und besonders der Morgen[, -] oder Mittagssonne am meisten ausgesetzt sind. Wenn sie die Eier [Eyer] gelegt haben, so werden sie matt und gehen drauf. Die Eier [Eyer] gehen im Frühjahr, zum Teil [Theil] auch später, bei [bey] warmen Wetter aus, nicht auf einmal, sondern nach und nach, welches eben ihre Vertilgung schwer macht[,] und anhaltende Arbeit und Fleiß fordert. Frost und Kälte schadet den Eiern [Eyern] so wenig, [,] als den jungen Heuschrecken, das hat man heuer vielfältig erfahren. Anfänglich, wenn sie ausgegangen sind, sehen sie weißlicht[,] oder blaßgelb aus. Die Schale von dem Ei [Ey] hängt [hangt] ihnen noch stückeweis [stückweis] auf dem Rücken, und doch fressen[,] und hüpfen sie schon. Nachdem werden sie schwarzbraun, bekommen Flügel, verändern die Farbe in gelbgrün, sammeln sich in Schwärme, und fressen alles auf, wo sie hinkommen. Wenn endlich die Flügel größer werden, so stoßen immer mehrere Schwärme zusammen[,] und auf die letzt ziehen sie heerweis davon. Sie mögen fliegen[,] oder nur erst hüpfen, so halten sie, nach bestätigter Erfahrung, ihren Zug gemeiniglich von Osten nach Westen. Wenn Ostwinde wehen, so heben sie sich von selbst[,] und ziehen fort, bei [bey] andern Winden hingegen kann man sie schwer aufbringen.

Wie sie im vorigen Jahr herein gedrungen, war der Sommer großen Teils vorüber, die Luft wegen des anhaltenden Regens feucht und kalt, und aus allen diesen Ursachen keine Möglichkeit, sie fortzubringen. Alle Bemühungen gingen demnach dahin, sie da, wo sie waren, zu vertilgen, hauptsächlich aber die Eier, die sie mittlerweile legten, zu verderben. Viele Tausende von Menschen schlugen die Heuschrecken mit Besen und Prügeln tot oder sammelten sie in Säcke und verbrannten sie. Auch wurden Schweine auf sie losgelassen, die sich daran mästeten. Die Eier aber wurden anfänglich zerquetscht und verbrannt. Zuletzt, wie das Stroh zum Verbrennen schwerer aufgebracht werden konnte, auch von den Zerquetschten und Verbrannten ein übler Geruch aufstieg, der für die Gesundheit nachteilig hätte werden können, glaubte man daß die Eier auch nur, wenn sie tief in die Erde vergraben und mit Erde fest zugestampft würden, schon dadurch allein sicher zu Grunde gehen müßten. Es wurden also viele Millionen in 4, 5, auch 6 Fuß tiefe Löcher geworfen, und mit Erde dicht zugestoßen, so daß solche 3, 4 und mehr Schuhe hoch auf ihnen lag. Allein die Folge hat gezeigt, daß sie dadurch keinen Schaden gelitten haben. Das alles wurde indessen mit unermüdetem Fleiß besorgt, bis der Schnee fiel.

Da hierauf der heftigste und anhaltendste Winter einbrach, der seit langer Zeit hier erlebt worden war, so entstand die Hoffnung, daß auch das letzte unzerstört gebliebene Ei aufgerieben worden sein würde. Allein kaum wurde die Luft milder, so zeigten sich Myriaden unversehrter und frischer Eier, zu 60 – 80 in länglichten Hülsen von zartem Gewebe verschlossen, Eierstöcke auf Eierstöcke aufgetürmt, oft sehr tief in der Erde, die hernach, so wie sich die Wärme vermehrte, aus ihren Fügungen heraus fielen und nach und nach ausgingen. Viele waren schon ausgegangen, wie plötzlich ein später Schnee und ein sehr kaltes Wetter mit Frost und Reif erfolgte; auch das überstanden sie, so klein sie auch waren. Nun wurden die durch den Winter unterbrochenen Arbeiten mit neuem Eifer fortgesetzt und hatten in einigen Kreisen den gewünschtesten Erfolg, in andern hingegen nahm die ausgehende Brut so sehr überhand, daß nach den Berichten der Beamten alle Menschenhülfe vergebens angewandt zu werden schien. Der Königl[iche] Gubernator, Freiherr v[on] Brukenthal[4] [Bruckenthal], ging endlich selbst an die Örter, wo die Gefahr am größten war, und darunter zuerst in die Gegend von Lóna, einem Dorf des Dobokaer Komitats[5] [Comitats]. Er entdeckte daselbst zuerst, daß selbst die im Herbste am tiefsten in die Erde vergrabenen und fest zugeschlagenen Eier nicht verdorben waren, sondern ausgingen, und daß die jungen Heuschrecken sich durch die festeste Erde herauszuarbeiten wußten. Er ließ mithin alle mit Eiern verscharrten Gruben öffnen, sie mit ungelöschtem Kalk bestreuen, und alsdann mit Wasser begießen, wodurch die Eier und Bruten vertilgt wurden. In Ansehung der bereits frei herumhüpfenden Heuschrecken wählte er nach verschiedenen Versuchen, die leichtesten und sichersten Vertilgungsmittel aus: leitete Aufseher und Arbeiter selbst dazu ein, munterte sie durch seine Gegenwart auf und verpflichtete endlich die Kreisbeamten, unter den schärfsten Verwarnungen zur strengsten Befolgung der ihnen vorgeschriebenen Verfahrungsart. Einige Wochen darauf tat er das nämliche in dem Haromszeker Stuhle[6], wo die Gefahr um so größer war, da die jungen Heuschrecken schon Flügel bekommen hatten und zu flattern anfingen. Diese Veranstaltungen hatten endlich den glücklichen Erfolg, daß wenige Zeit hernach von allen Seiten die frohen Berichte einliefen, daß die Heuschrecken überall gänzlich aufgerieben und vertilgt worden seien, nachdem besonders in dem Dobokaer Comitate, wo die größte Heuschreckenmenge gewesen, nach genauem Verzeichnisse über 158 000 [158tausend] Arbeiter gebraucht und angewandt worden waren.

Die zur Vertilgung der jungen Heuschrecken am besten befundene Verfahrungsart war folgende. Die Arbeiter wurden in kleinen Haufen von 30 – 40 Köpfen abgeteilt. Eine jede dieser Parteien umringte den ihnen angewiesenen, mit Heuschrecken angesteckten Fleck Landes, in dessen Mitte vorher eine längliche, 4 – 5 Schuh tiefe Grube errichtet oder auch eine Streue von Stroh gelegt worden war. Die Arbeiter mußten fest aneinander geschlossen den Erdboden mit Ruten ganz sanft berühren, weil bei jedem härteren Aufschlagen die Heuschrecken sich in die besonders bei anhaltender Dürre in der Erde entstehenden Ritzen verbergen. Durch diese sanfte Berührung, unter welcher die Arbeiter allgemach gegen die Mitte fortschritten, wurden die Heuschrecken in Bewegung gebracht und hüpften haufenweis in die Grube oder auf das in der Mitte befindliche Stroh. Dieses wurde rings herum plötzlich angezündet, wobei sie sich zuletzt in die Mitte des Strohes, schuhhoch übereinander, zusammenzogen und daselbst klumpenweis verbrannt wurden. Wo sich Gruben in der Mitte befanden, wurden die hineingehüpften Heuschrecken darin zertreten und mit hinuntergeschaufelter Erde zusammengestampft. Die Mannschaft endlich, welche, so wie der Kreis durch das allmähliche Fortschreiten enger wurde, nach und nach austrat, zerschlug von hinten her alles was sich von diesem Ungeziefer zu retten suchte, mit Ruten und Prügeln. Diese Mitteln wurden in dem angesteckten Örtern so oft nacheinander wiederholt, bis keine Heuschrecke mehr übrig blieb. Es gelang am besten damit, wenn die Sonne schon hoch stand, morgens und abends, auch bei trübem und neblichtem Wetter, war der Erfolg bei weitem nicht so günstig.

Nun ist das Land von dieser Seite, Gottlob! vor aller Gefahr gesichert. Es haben zwar erst vor Kurzem einige Heere Heuschrecken über die walachischen Gebirge herüber zu kommen gedroht, allein da die Kräftigsten Veranstaltungen gemacht worden sind, sie, wenn es geschehen sollte, sogleich an den Grenzen wieder zurückzuschlagen, auch überdies der Herbst schon so weit vorgerückt ist, so haben wir die beste Hoffnung, daß für heuer auch aus der Nachbarschaft wenig oder gar nichts zu besorgen sein wird. Indessen wird die heurige Heuschreckengeschichte zum beruhigenden und belehrenden Beweis auf die Zukunft dienen, was durch wohlgetroffene Vorkehrungen, durch Tätigkeit, mutige Entschlossenheit, besonders aber durch unermüdete Aufsicht selbst da geleistet werden könne, wo es mit allem menschlichen Rat und Hülfe aus zu sein scheint.“

 


[1] Vgl. H[einrich] Herbert: Briefe an den Freiherrn Samuel von Brukenthal. In: Vereins Archiv 31 (1903), S. 7-1029, hier S. 491f., Nr. 428: Brief von T. Reischach an Brukenthal, Wien, 25. September 1781.

[2] In der Vorlage durchgestrichen.

[3] Siebenbürgisch-sächsische Mundart, deutsch: „Warum klappert man mit der Rassel?“.

[4] „Der Übergang von der ersten Person („ich“; s. die Einleitung) zur dritten erklärt sich daraus, daß die ersten Zeilen an Reischach persönlich gerichtet, die folgenden aber als amtlichen Bericht gedacht und gefaßt waren.“ (Anm. GAS).

[5] Eines der acht mittelalterlich-frühneuzeitlichen Komitate (Grafschaften, Gespanschaften, ung. megye) auf „Adelsboden“ (Komitatsboden), vor den ab 1786 einsetzenden Verwaltungsreformen. Vgl. Ernst Wagner: Historisch-statistisches Ortsnamenbuch für Siebenbürgen. Köln, Wien 1977 (Studia Transylvanica 4), S. 34f., S. 230–243.

[6] Háromszéker Stuhl, eine der fünf Verwaltungseinheiten im „Land der Szekler“, mit den Untergliederungen Sepsi, Kézdi, Orbai und Miklosvár. Vgl. Wagner: Ortsnamenbuch (wie Anm. 2), S. 35f., S. 312-323.

 



 

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