Neuerscheinungen ::  Bilder aus Siebenbürgen ::  Spenden ::  Bibliotheksrecherche ::  Suche ::  E-Transylvanica ::  Sitemap ::  Mitgliederbereich ::  Redaktion ZfSL  
 
 Startseite :: Wissenschaftliche Gesellschaften :: Studium Transylvanicum :: 27. Akademiewoche

Die Wahrnehmung Siebenbürgens und des Banats in Europa

Im siebenbürgischen Kallesdorf/Arcalia/Árokalja trafen sich zwischen dem 26. August und dem 2. September 2012 rund 30 Studierende und junge Wissenschaftler aus ganz Europa zur 27. Internationalen Siebenbürgischen Akademiewoche von Studium Transylvanicum. Die Tagung wurde in Zusammenarbeit mit dem Institut für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas e. V. (IKGS) an der Ludwig-Maximilians-Universität München, dem Institut für deutschsprachige Lehre und Forschung an der Babeş-Bolyai-Universität Klausenburg/Cluj-Napoca, dem Arbeitskreis für Siebenbürgische Landeskunde e. V. Heidelberg und dem Archiv der Honterusgemeinde (AHG) Kronstadt veranstaltet. Das Thema der diesjährigen Veranstaltung lautete „Die europaweite Rezeption Siebenbürgens und des Banats in Geschichte und Gegenwart“. Ein Schloss im mauro-byzantinischen Stil, das vor der Enteignung der ungarischen Adelsfamilie Bethlen gehörte und sich aktuell im Besitz der Universität Klausenburg/Cluj-Napoca/Kolozsvár befindet, diente als Tagungsstätte.

 

Den Anfang machte Dr. Enikö Dácz (Andrássy-Universität Budapest). Sie sprach über das Siebenbürgen-Bild des siebenbürgisch-sächsischen Journalisten und Politikers Lutz Korodi (1867-1954), der aufgrund seiner Konflikte mit der ungarischen Regierung in der Nationalitätenpolitik die Jahre vor dem Ersten Weltkrieg im Berliner Exil verbrachte. Dácz untersuchte vor allem seinen von Berlin auf Siebenbürgen geworfenen Blick, der Korodis Überzeugung bestärkte, dass alle deutschen Minderheiten im Königreich Ungarn intensiver zusammenarbeiten müssten. Frank Bauer (Univ. Tübingen) stellte daraufhin sein Promotionsvorhaben über die Wahrnehmung der im Königreich Ungarn lebenden deutschen Minderheiten im deutschen Sprachraum 1848-1914 vor. Bauer konzentriert sich dabei auf Reiseberichte, Reiseführer und Reisehandbücher, z. B. den Baedeker, der einen besonderen Schwerpunkt auf die Geschichte und Kultur der Sachsen legte. Dr. Dr. Gerald Volkmer (IKGS an der LMU München) stellte das Siebenbürgen-Bild des Informationsbüros im k.u.k. Außenministerium im späten 19. Jahrhundert vor. Dieses österreichisch-ungarische Informationsbüro bestand von 1877 bis 1908 als selbständiger Informationsdienst, der die Aufgabe hatte, politische Auslandsinformationen mit Hilfe eines Agentennetzes zu sammeln und auszuwerten. Nach der Entstehung des unabhängigen Rumänien 1878 sahen die österreichisch-ungarischen Diplomaten in den irredentistischen Bestrebungen der Rumänen auf beiden Seiten der Karpaten eine Gefährdung Siebenbürgens als Grenzland der Habsburgermonarchie. Volkmer arbeitete die Beeinflussung des Siebenbürgen-Bildes des k.u.k. Außenministeriums und der k.u.k. Diplomaten in Bukarest durch die Berichte der in Siebenbürgen und Rumänien tätigen Agenten heraus. Den ersten Sitzungstag schloss das Referat Mircea Abrudans (Univ. Klausenburg) über das Siebenbürgen-Bild des rumänischen Nationalhistorikers Nicolae Iorga vor dem Ersten Weltkrieg, dessen Leben und Werk Abrudan ausführlich vorstellte. Iorgas Bericht über seine Siebenbürgen-Reise im Jahr 1906, auf die sich der Vortrag vor allem bezog, beschrieb die Lage der siebenbürgischen Rumänen und versuchte, die Besitzansprüche Rumäniens auf Siebenbürgen historisch zu legitimieren.

 

Der zweite Tag der Akademiewoche stand im Zeichen der Presse und der Literatur. Nora Chelaru (Univ. Jassy) referierte über die deutschsprachige Presse in der Bukowina und deren Berichterstattung über Siebenbürgen. Im Gegensatz zu Siebenbürgen stellte die Bukowina eine Region dar, in der deutsche Siedler erst im späten 18. Jahrhundert angesiedelt wurden. Erste deutsche Zeitungen wurden in den 1860er Jahren gegründet, die enge Beziehungen zur siebenbürgischen Presse unterhielten. Dieses Verhältnis beendeten der Zweiten Weltkrieg und die Umsiedlung der Bukowinadeutschen in das Dritte Reich. Friederike Mönninghoff (Univ. Bremen) untersuchte die Wahrnehmung Rumäniens und der Revolution von 1989 durch die deutsche Presse. Stereotype Darstellungen, wie etwa die „rumänische Grausamkeit und Despotie“, gesellten sich zur Dämonisierung Ceauşescus. Auch seriöse Zeitungen bedienten dabei alter Klischees vom blutsaugenden Vampir, der keine Rücksicht auf westlich-moralische Standards zu nehmen schien. Silvia PetzoldT (Univ. Jena) verglich in ihrem Vortrag das literarische Werk des Sachsen Paul Schuster mit jenem des Ungarn András Sütő, vor allem die darin vorkommenden imaginären Bilder vom Anderen. Beide wuchsen als Angehörige einer Minderheit in Siebenbürgen auf und verarbeiteten in ihren Werken die Erinnerungen an ihre Kindheit im Nachkriegsrumänien. Die Selbst- und Fremdwahrnehmung spielte dabei eine ebenso wichtige Rolle wie die Darstellung von Festen und Bräuchen. Beide Werke zeichnen sich dabei durch eine einfache Sprache aus, die sich am zeitgenössischen sozialistischen Realismus orientierte.

Am Nachmittag berichtete der rumäniendeutsche Dichter und Filmemacher Frieder Schuller (Berlin) über die Rezeption seiner siebenbürgischen Heimat und seine Erfahrungen als Journalist und Schriftsteller im kommunistischen Rumänien. In einer angeregten Diskussion mit der Berliner Literaturwissenschaftlerin Michaela Nowotnick beschrieb er die alltäglichen Freiräume, die ihm die liberaleren Jahre des Ceauşescu-Regimes (1968-1978) ermöglichten, aber auch die Überwachung durch den Geheimdienst Securitate, dem er so manchen „Streich“ spielen konnte. Nach seiner Ausreise in die Bundesrepublik Deutschland kehrte er öfters nach Siebenbürgen zurück, um seiner Heimat in Dokumentationen und Spielfilmen ein Denkmal zu setzen, zum Beispiel im Film „Der Glockenkäufer“ aus dem Jahr 1984. Nach der Wende von 1989 reiste Schuller wiederholt in seine Heimatgemeinde Katzendorf, in der er alljährlich ein großes Kulturfestival organisierte, das Künstler und Intellektuelle aus ganz Rumänien anzog.

 

Am Mittwoch, dem 29. August, stand eine Tagesexkursion nach Klausenburg auf dem Programm. Nach dem Empfang beim Rektor der Universität Klausenburg, Prof. Dr. Ioan Aurel Pop, der eine kurze Einführung in die Geschichte und den Alltag der Universität bot, führte die Historikerin Dr. Edit Szegedi die Tagungsteilnehmer fachkundig durch diese kulturell, ethnisch und konfessionell vielfältige Stadt. Während der Führung bestanden unter anderem Gelegenheiten, die im Jugendstil erbaute Universitätsbibliothek zu besichtigen sowie die Schneider-Bastei, eine massive Wehranlage aus dem 15. Jahrhundert.

 

Der Donnerstagmorgen des 30. August war der Wahrnehmung der rumänischen Roma gewidmet. Pavao Hudik (Berlin) präsentierte unter dem Titel „Rumänen in Berlin: Arbeitsbilder eines Berliner Psychologen“ seine Erfahrungen im Umgang mit „Rumänen“ in Berlin – er zog diese Bezeichnung dem nicht-staatsgebundenen und sehr vagen Begriff „Roma“ vor. Er erläuterte die logistischen, administrativen und menschlichen Probleme der Sozialarbeiter, die sich um diese Rumänen kümmern. Durch die sehr persönliche und anschauliche Weise des Vortrages konnten die Zuhörer die konkreten Schwierigkeiten, sowohl der Roma aus Rumänen als auch der Sozialarbeiter, leichter erfassen. Diese Ausführungen ergänzte Cristina Nastase, evangelische Theologin und Sozialarbeiterin in Berlin, die mit Pavao Hudik zusammenarbeitet. In ihrem Vortrag „Die öffentliche Wahrnehmung der rumänischen Roma in Berlin in Rundfunk und Presse“ beleuchtete sie die medialen Aspekte des Zusammenlebens zwischen Berliner Bürgern und Roma. Anhand von Zeitungsartikeln und kurzen Videoausschnitten zeigte sie, wie die Medien entweder ein demagogisches/rassistisches oder ein philanthropisches/beschönigendes Roma-Bild entwerfen, die beide gleichsam gefährlich sind, weil sie der Realität nicht entsprechen und weder den Berliner Bürgern noch den Roma helfen, konkrete Maßnahmen zu einem reibungslosen Zusammenleben zu ergreifen. Melani Barlai (Budapest) stellte die „Roma-Politik im europäischen Vergleich“ vor. In ihrem Referat bot sie einen Überblick über die Gesetzeslage und die statistischen Daten in den Staaten der Europäischen Union. Dabei wurden die Unterschiede in den einzelnen Staaten bezüglich der Minderheitenschutzgesetze oder der Gesetze zum Schutz der Roma-Minderheiten deutlich, ebenso die Auswirkungen der EU-Gesetzgebung auf die nationale Ebene.

Am Nachmittag wurde – auf Pferdewägen – die sächsische Kirchenburg Lechnitz erreicht, die sich heute im Besitz der reformierten ungarischen Gemeinde befindet. Nach deren Besichtigung folgte eine Führung durch die örtliche Weinkellerei, in der lokale Weine probiert wurden. Höhepunkt der Exkursion war die Besichtung der romanischen Basilika von Mönchsdorf, eines der wenigen erhaltenen romanischen Architekturmonumente Rumäniens. Die kunsthistorische Bedeutung des zum UNESCO-Weltkulturerbe gehörenden Baus erläuterte der Akademieteilnehmer Robin Gullbrandsson (Landesmuseum Jönköping/Schweden).

 

Den nächsten Tag leitete der Vortrag von Angelika Beer (Berlin) ein: „In der Begegnung mit Anderen sich selbst verorten – Beobachtungen von Georgius de Hungaria im Osmanischen Reich des 15. Jahrhunderts“. In seinem Werk Tractatus de moribus, condictionibus et nequicia Turcorum berichtet der aus Siebenbürgen stammende Georg über seine Verschleppung als Kind ins Osmanische Reich und die anschließende Gefangenschaft. Angelika Beer versuchte zunächst zu rekonstruieren, welche christliche Erziehung Georg in Siebenbürgen erhalten hatte. Auf dieser Basis untersuchte sie sein Islambild, das sowohl von persönlichen Ablehnungs- als auch Anziehungsmomenten geprägt ist. Den Bogen zum Banat schlug Ioana Scridon (Univ. Klausenburg) in ihrem Vortrag „Die Geschichte der Zipser im Banater Bergland – eine historisch-geographische Perspektive auf die Kolonisierungsprozesse“. Die Untersuchung zeigte die Bedeutung des geographischen Raums für die sprachliche und kulturelle Verschmelzung der aus der Zips stammenden Deutschen mit den österreichischen Kolonisten in den Bergbaukolonien des Banats. Scridon verdeutlichte, wie beide Gruppen durch das Zusammenleben unter verschiedenen politischen Systemen neue Bräuche und kulturelle Ausdrucksformen schufen, bis der Zweite Weltkrieg und das kommunistische Regime zur massiven Auswanderung der Zipser nach Deutschland führten. Stéphanie Danneberg (LMU München) stellte das Bild des Banats und Siebenbürgens in den französischen Schriften des späten 18. und des 19. Jahrhunderts vor. Im Zentrum stand insbesondere das Bild des interethnischen Verhältnisses, vor allem in den Texten von Desfeuilles/Lassaigne und Auguste de Gérando. Obwohl die französischen Reiseberichte des gesamten 19. Jahrhunderts nie frei von Stereotypen sind – von der „rein“ erhaltenen Latinität der Rumänen bis hin zur dako-romanischen Kontinuitätstheorie –, zeigte Stéphanie Danneberg, dass sich die Autoren um Sachlichkeit und vorurteilsfreies Schreiben bemühten. Letztendlich bewies die Referentin, dass sich das Thema der Multiethnizität in allen französischen Schriften vor allem im Verhältnis Unterdrückte versus Unterdrücker widerspiegelte. Philippe Blasen (Centre de Documentation sur les Migrations humaines, Luxemburg), referierte über „Die Siebenbürger Sachsen im Blick der Luxemburger“. Blasen versuchte darzustellen, dass das Interesse der Luxemburger an den Siebenbürger Sachsen und deren Urheimatthese, die besagt, dass die Sachsen aus Luxemburg stammen, hauptsächlich zwei Gründe hat. Einerseits litt die Luxemburger Elite am Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts an den territorialen Verlusten des Großherzogtums und freute sich über die Existenz einer „Kolonie“ in Siebenbürgen. Andererseits nützten die Luxemburger Intellektuellen das an die Urheimatthese gebundene Interesse der Siebenbürger Sachsen an der luxemburgischen Sprache, um sich von diesen eine luxemburgische Linguistik erarbeiten zu lassen. Am Schluss stellte der Referent die These auf, dass im 20. und 21. Jahrhundert das Interesse der Luxemburger an den Sachsen hauptsächlich nationalistischer Natur sei und vor allem einer mentalen territorialen Erweiterung diene. Zum Abschluss des wissenschaftlichen Teils der Tagung sprach Marinel Koch-Tufis (Graz) über „Die Wahrnehmung der Bevölkerung und der wirtschaftlichen Lage Siebenbürgens und des Banats durch ‚Staatsdiener‘ in den 1770er Jahren“. In seinem Vortrag verglich er die Berichte zweier „Staatsdiener“ Kaiser Josefs II. über die kulturellen, religiösen, wirtschaftlichen und strategischen Merkmale Siebenbürgens und des Banats und rekonstruierte das Bild, welches die österreichische Obrigkeit zu der damaligen Zeit von diesen Regionen hatte.

Am Samstag, dem 1. September, besuchten die Akademieteilnehmer das Zentrum des Nösnerlandes, Bistritz, durch das Herr Hartig vom Demokratischen Forum der Deutschen führte. Vom renovierten Turm der evangelischen Stadtpfarrkirche aus konnte man die typische sächsische Architektur der Stadt bewundern. Die Rückfahrt nach Kallesdorf/Arcalia erfolgte über Senndorf/Jelna, Deutsch-Budak/Budacu de Jos sowie Minarken/Monariu. Hier konnten die Teilnehmer drei sächsische Kirchenburgen in verschiedenen Zuständen sehen, die Robin Gullbrandsson kunsthistorisch erläuterte: in Senndorf eine von der orthodoxen Gemeinde dem Verfall überlassene Kirchenburg, in deren Chor durch die Erosion die übertünchten Fresken sichtbar wurden; in Deutsch-Budak eine kleinere, durch die Orthodoxen übernommene und restaurierte Pfarrkirche und in Minarken eine für Siebenbürgen sehr seltene Rundkirche, deren Ursprung wahrscheinlich auf das 12. Jahrhundert zurückgeht.

An dieser Stelle gebührt zwei Förderern Dank, die diese Akademiewoche erst durch ihre finanzielle Zuwendung möglich gemacht haben. Neben dem Institut für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas e. V. an der LMU München ist hier das Haus des Deutschen Ostens München zu nennen. Für die Vorbereitung und Durchführung sei stellvertretend für das gesamte Organisationsteam Petra Rezac gedankt.

Philippe Blasen

Siebenbürgen-Institut 2009 Designed by Cubus