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Siebenbürgen für junge Wissenschaftler

Eine "Ferienakademie" mit langer Tradition

In Deutsch-Weißkirch/Viscri fand vom 31. August bis 5. September die 24. Internationale Siebenbürgische Akademiewoche von Studium Transylvanicum statt. Dieser offene Kreis von Nachwuchswissenschaftlern, Schülern und Studenten setzt sich mit siebenbürgischen Themen in ethnienübergreifender Weise auseinander. Es werden u.a. die Wissensbereichen Geschichte, Landeskunde, Ethnologie, Kulturanthropologie, Kunst, Literaturwissenschaft aufgegriffen. 

 Seit 1987 aktiv, tagte Studium Transylvanicum bis vor zwei Jahren hauptsächlich in Deutschland. Seit 2008 findet die Internationale Siebenbürgische Akademiewoche, kurz „Ferienakademie” in Deutsch-Weißkirch statt, und ermöglicht es, Siebenbürgen nicht nur theoretisch zu analysieren, sondern auch hautnah zu erleben. Mitveranstalter waren das Archiv der Honterusgemeinde (wie bereits 2008) und erstmals das Institut für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas e.V. an der Ludwig-Maximilians-Universität München.
Rund 30 junge Teilnehmer aus Rumänien, Deutschland, Österreich und Ungarn trafen heuer zusammen. Das Rahmenthema lautete diesmal „Siebenbürgen-Lesen-Lernen”, denn im Mittelpunkt stand das „Lesen” von Kultur vornehmlich in schriftlichen Quellen, aber auch in Traditionen und Biographien, Architektur, Kunst, kurzum im Alltag von gestern und heute. Die Begeisterung für den Forschungsgegenstand Siebenbürgen überschritt die Tagesordnung und belebte auch die Kaffee-und-Kuchenpausen sowie die Sommerabende auf den Treppen der Kirchenburg oder im Hof des Jugendgasthauses.
Nach der Anreise der Teilnehmer ging die Tagung nachmittags mit einer Einführungsrunde los. Es wurde gleich auch ein „geistiges Warmlaufen” angeboten, das Fragespiel „Inquisitio Transylvanica”. Am Abend wurden die verschiedenen Arbeitsgruppen zusammengestellt, die sich im Laufe der gesamten Woche mit praktischen Aufgaben beschäftigten: die Übersetzung ins Rumänische der selbstgestalteten Homepage von Deutsch-Weißkirch und des „Inquisitio”-Fragespiels (dies auch ins Ungarische), das Schreiben eines Kinderbuchs über Siebenbürgen und der Erstellung einer historischen Dokumentation für das Projekt „Kirchenburg Radeln” von Peter Maffay sowie die Einführung für Einsteiger in die Geschichte Siebenbürgens.
Die Vortragsreihe begann am nächsten Vormittag mit einem Abschnitt der Moderne: Dr. Gerald Volkmer sprach über Freund- und Feindbilder in den Geschichtsschulbüchern Ungarns und Rumäniens in der Zeitspanne 1947-2004. Anschließend analysierte Prof. Dr. Konrad Gündisch die Steuerlisten und Kirchenmatrikeln als Quelle zur Sozialgeschichte im mittelalterlichen Transylvanien. Gar um frühmittelalterliche Ereignisse ging es dann auch im Vortrag von Dr. Meinolf Arens über Schatzfunde in der Zeitspanne 4. bis 8. Jahrhundert. Über die Möglichkeiten der Lesekulturforschung bei den Siebenbürger Sachsen in der frühen Neuzeit referierte Dr. Verok Attila und zum Abschluss schilderte Dr. Kalman Kovacs das Siebenbürgenbild der Wiener Hofelite in den 1760-70er Jahren. Der Abend wurde von Liviu Cimpeanu und Dr. Klaus-Juergen Hermanik durch je einen Workshop gestaltet. Einerseits ging es vor allem um das Erlernen und Üben des kyrillischen Alphabets sowie um das Entziffern alter rumänischer Drucke, die jeder Teilnehmer in der dicken Tagungsmappe mitnehmen durfte. Andererseits wurde unter Hermaniks Anleitung Texte aus der sächsischen Literatur unter kulturanthropologischen Fragestellungen analysiert.
Der dritte Tag begann mit dem Vortrag von Dionisie Arion in die zwischenkriegszeitliche Geschichte der Evangelischen Kirche in Siebenbürgen, wobei der Schwerpunkt auf die Identitätsbewahrung und Identitätsfindung im Rahmen auch der „nationalsozialistischen Erneuerung” gelegt wurde. Die Erschließung des literarischen Vorlasses von Eginald Schlattners und damit verbundene Probleme stellte Michaela Nowotnik vor. Benjamin Jozsa sprach über die Zeitschrift „Der Punkt” zwischen Jugend und Kultur unter dem anregenden Motto „Totgesagte leben länger”. Markus Beham präsentierte anschließend das Kronstadt der Jahre 1438-1479 in der „Türkengefahr”. Der Nachmittag brachte eine weltbekannte, jedoch kontroverse siebenbürgische Gestalt in den Vordergrund, den Fürsten Dracula. Albert Weber erklärte die literarische Genese und Zirkulation der Dracula-Mythologie als Überlagerung verschiedener Mythen, die um die Person Vlad Tepes entstanden sind. Die Erwähnungen der Figur Dracula in den osmanischen Chroniken wurden von Adrian Gheorghe in einem detaillierten Vortrag präsentiert. Im Anschluss an eigentlich jeden Vortrag kamen sowohl kritische Bemerkungen als auch unzählige Fragen, die während der üppigen Abendessen und dann auch oft bis spät in die Nacht weiter diskutiert wurden.
Das Programm in der Ostbastei der Burg war auch am vierten Tag sehr intensiv. Zu Beginn sprach Friedemann Riebe über die Situation der Roma in Rumänien, über die Folgen der Armut und der sozialen und gesellschaftlichen Ausgrenzung. Aktuelle Tendenzen in Architektur und Städtebau Siebenbürgens wurden anhand von zahlreicher Bildern von Architekt Peter Mrass vorgestellt. Einen Höhepunkt der Tagung bildete der Vortrag von Prof. Dr. Paul Philippi über die Entstehungszeit des Arbeitskreises für Siebenbürgische Landeskunde e. V. Heidelberg, mit dem Studium Transylvanicum in enger Verbundenheit steht. Die Teilnehmer erfuhren Hintergründe, Fakten und Zusammenhänge aus der Dokumentation und vor allem der persönlichen Erfahrung des Referenten. Dr. Angela Harre sprach anschließend über die Wirtschaftsgeschichte Siebenbürgens in der Zeitspanne 1870-1940 und Florian Heigl präsentierte einen Überblick zur Entwicklung der Landwirtschaft in Trasylvanien. Im Gemeinderaum wurde zum Tagesabschluss der viersprachig erschienene „Kleine Kunstführer” von Timo Hagen über Deutsch-Weißkirch vorgestellt. Er ist das Ergebnis Zusammenarbeit von Studium Transylvanicum, dem Deutschen Kulturforum östliches Europa Potsdamm und dem Verlag Schnell&Steiner in Regensburg.
Am letzten Seminartag referierte Friederike Moenninghoff über das Phänomen des „Root Tourism” am Beispiel der „Sommersachsen”. Es folgten Anregungen aus dem „Publikum“ zu den besprochenen Themen sowie ein Generalaustausch über laufende Forschungsarbeiten und Projekte. Nach der Abschlussrunde folgte ein entspannter Nachmittag mit Erntehilfe beim Ehepaar Müller und anschließender Exkursion nach Keisd mit Besichtigung der Burg.
Die Akademiewoche war ein Erfolg nicht nur durch die Qualität der Vorträge und Workshops, sondern auch durch den intensiven Meinungsaustausch und die Freundschaften, die jenseits der wissenschaftlichen Arbeit entstanden bzw. gefestigt wurden. Das Gelingen ist den Hauptorganisatoren der diesjährigen Ausgabe, Ursula Fernolend, Bernhard Heigl und Thomas Sindilariu, erster auch als „Gastgeberin” in Deutsch-Weißkirch, zu verdanken. Wenn man die erlebte 24. Akademiewoche Revue passieren lässt, wird man regelrecht neugierig auf die nächste Ausgabe im kommenden Sommer! Dann wird Studium Transylvanicum ein Viertel Jahrhundert alt sein und damit älter sein als ein guter Teil der Teilnehmerschaft – für eine Jugendorganisation eine beachtliche Entwicklung.


Christine Chiriac

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